INGRID KUTSCHRAD

Pensionierte Erzieherin

Ingrid fühlte sich immer schon verbunden mit Kindern und Jugendlichen. Sie hat viele Jahre als Erzieherin in einem Kinderheim gearbeitet und kümmert sich mit Herzblut weiterhin als "Leihoma" um 5 Kinder aus einer Patchworkfamilie.

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KURZINTERVIEW

LEBENSPFAD

Welcher "rote Faden" zieht sich durch dein Leben?

Ich habe mich immer sehr gerne als Erzieherin und Leihoma um Kinder und als Ehefrau und Schwiegertochter, um pflegebedürftige Familienangehörige gekümmert. Den Wunsch nach eigenen Kindern konnte ich mir aufgrund gesundheitlicher Höhen und Tiefen selbst leider nicht erfüllen.

BEZIEHUNG ZU SENIOREN

Was gefiel dir als Kind besonders an Großeltern / älteren Menschen?

Lebensgeschichten von älteren Menschen fand ich immer spannend. Ich liebte es, wie meine Großmutter mir aus ihrer Kindheit erzählte. Sie war Waisenkind mit 3 Schwestern. Jeder würde vermuten, dass ihre Geschichten nur traurig und sorgenvoll gewesen sind, waren sie nicht. Meine Großmutter war eine Lebenskünstlerin. Zudem war sie viel gelassener als meine Eltern. Ihr konnte ich immer alles erzählen.

BEZIEHUNG ZU KINDERN

Was können Kinder von / mit dir lernen? Was kannst du Kindern geben?

Dass auch ältere Leute weiterhin lebenslustig, geistig und körperlich fit sind und sich gerne Zeit für die jüngere Generation nehmen. Ich schenke meinen Leihkindern immer wieder Zeit, in der wir etwas zusammen erleben, z.B. beim gemeinsamen Ausritt, beim Kochen und Backen zuhause oder beim Museumsbesuch. Daran erinnern wir uns noch Jahre später gerne. 
Meine Leihkinder sind i.d.R. immer einzeln bei mir. Dann lasse ich sie einfach erzählen und höre nur zu. Sie wissen, dass sie mir immer alles sagen können, was sie denken. Ich bewerte es nicht. Die eigenen Eltern haben selten die Zeit jedem Kind uneingeschränkt zuzuhören.

BEGEISTERUNG

Was begeistert dich besonders am Kinder-Senioren-Projekt?

Ich habe in meinem Leben so viele schöne Erfahrungen mit Kindern und Seniorinnen und Senioren gemacht, die mir gezeigt haben, wie wertvoll die Verbindung zwischen Alt und Jung sein kann. Hier mal ein Beispiel: 
Ich habe im Alter von 20 Jahren in einem Kinderdorf gearbeitet. Manche Heimkinder haben nie Großeltern erlebt. An meinen freien Wochenenden nahm ich ein Kind mit nach Hause, welches nie Besuch bekam. Ich selbst bin mit 2 Brüdern aufgewachsen. Bei uns lebte auch unser Großvater. Er hatte 2 Kriege überlebt. Danach litt er unter „Verfolgungswahn“ und kam in die Psychiatrie. Meine Eltern holten ihn zu uns nach Hause. Er war nicht heilbar. Er wohnte bei uns, verließ nie wieder das Haus. Er war zufrieden und ich bin so aufgewachsen. An diesem Wochenende, war ich mit dem Jungen und meinem Großvater alleine zuhause, da meine Eltern verreist waren. Mein Großvater hielt sich meistens in seinem Zimmer auf. Ich bereitete für ihn das Abendessen vor und sagte zu dem Jungen, dass ich meinem Opa das Essen bringe. Der Junge wollte mit. Ich atmete tief durch, weil mir klar war, dass der Junge in seinem ganzen Leben noch nie einen so alten Mann gesehen hatte. Das Gesicht voller Falten, keine Zähne im Mund. Ich wusste auch nicht, wie mein Großvater auf das fremde Kind reagieren würde. Der Junge und ich betraten das Zimmer. Ich stellte meinem Großvater den Jungen vor. Diese Beiden sahen sich an, sprachen nicht. In diesem Moment war ich Zeugin von etwas Besonderem. Als ich mit dem Jungen wieder alleine war, sagte er: „Ich liebe deinen Großvater.“ Am nächsten Morgen brachte er ihm das Frühstück.